Durst wird durch Bier erst schön

 
DAS GEHEIMNIS DER WÜRZE
KANNTE NUR DER ABT


Als Vorbilder für die meisten und erfolgreichsten Klosterbrauereien galten die Abteien St. Gallen und Weihenstephan. Beide waren Benediktiner-Klöster, und das ist kein Zufall.

Die ersten bierbrauenden Mönche auf deutschem Boden gehörten zu dem vorhin erwähnten Kloster St. Columban am Bodensee. Das war (nachdem Klostergründer Columban 615 gestorben war) benediktinisch geworden. Deshalb wurde die Brauerei zunächst vorwiegend in Benediktinerklöstern gepflegt.

Heute liegt St. Gallen in der Schweiz, aber bei der Gründung (Gallus, ein Schüler von Columban, ließ dort 612 einige Einsiedlerzellen errichten) gab es noch keine Eidgenossenschaft. Unter der Regierung Karls des Großen, ums Jahr 800, wurde St. Gallen eine mächtige Reichsabtei.

Von St. Gallen ist (als einzigem Kloster jener Zeit) überliefert, wie damals eine Klosterbrauerei beschaffen war. Über 100 Mönche arbeiteten auf den Hafer- und Gerstefeldern sowie in der Brauerei, außerdem eine beträchtliche Zahl von Schülern. Ums Jahr 1000 gehörten 40 Gebäude zur Brauerei - darunter drei Brauhäuser für drei verschiedene Biere: Starkbier, Haferbier und Dünnbier.

Die andere berühmte Klosterbrauerei ist dem Heiligen Korbinian zu verdanken. Der gründete 725 nördlich von München auf dem Berg Weihenstephan bei Freising, (auf dem eine dem Heiligen Stephan geweihte Kapelle stand) ein Kloster. Vermutlich wurde dort ab dem neunten Jahrhundert gebraut. 1146 bekamen die Weihenstephaner Mönche von Bischof Otto von Freising das Recht, im Kloster nicht nur zu brauen, sondern auch auszuschenken. So ist Weihenstephan zwar nicht die älteste Brauerei der Welt (was immer wieder behauptet wird), aber eine der ältesten, die noch heute existieren. Jetzt ist dort die Fakultät für Brauwesen der Münchner Universität untergebracht.

Außerdem ist es vermutlich eine der ersten Brauereien, in denen planmäßig Hopfen zum Bier genommen wurde. Schon im achten Jahrhundert gab es beim Kloster Freising - nur eine Viertelstunde von Weihenstephan entfernt - einen Hopfengarten.

Ob man damals schon wußte, wie gut Hopfen dem Bier bekommt, ist nicht sicher. Doch 1150 wußten es die Mönche von Weihenstephan. Und das Freisinger Hochstift (zu dem Weihenstephan gehörte) konnte seine Hopfenäcker kaum noch überblicken; sie lagen zwischen Inn, Alz und Salzach, im Salzburger Land, in Ober- und Niederösterreich, in der Steiermark, in Kärnten und Tirol.

Wenn es ums Alter von Kloster-Brauereien geht, darf man nicht streng sein. Die Weihenstephaner zum Beispiel erklären, ihr Braurecht stamme nicht von 1146, sondern schon von 1040. Da habe man Abt Arnold erlaubt, in Freising zu brauen und Bier auszuschenken. Man kann es den Weihenstephanern nicht abstreiten - aber sie können's auch nicht beweisen. Es gibt keine Urkunde darüber.

Anders ist es mit der Tegernseer Brauerei. Auch die existiert noch heute. Das Kloster entstand 746, ebenfalls als Benediktinerabtei. Auch dort hat man sicher schon im neunten Jahrhundert gebraut, vielleicht früher. Und die Tegernseer haben eine Urkunde, die kurz vor dem Jahr 1000 verfaßt wurde. Da ist die Rede davon, daß das Kloster keine Gäste aufnehmen und mit einem Schluck Bier erfrischen könne, weil kein Malz geliefert worden sei.

Nein, man soll das nicht so streng nehmen. Irgendwann begann man eben in vielen Klöstern, Bier zu sieden. Kommt es auf das Jahr an?

Die Übertragung der Brau- und Schankrechte an das Kloster Weihenstephan zeigt, daß die Welt sich in wenigen Jahrhunderten gewaltig geändert hatte. Früher, zur ruppigen Germanenzeit, braute jeder, wie er wollte, schenkte sein Bier her oder tauschte es gegen andere Nahrungsmittel und Kleidung, verkaufte es auch, wenn er wollte - das wurde von niemand reglementiert.

Auch die Klöster sotten ihr Bier, ohne lange zu fragen. Doch das hatte sich inzwischen geändert. Die Fürsten behielten sich vor, Privilegien - zum Beispiel das Braurecht - zu verteilen. Otto der Große war vermutlich der erste, der die Rechtshoheit übers Bier beanspruchte. Er vergab 947 ein Braurecht an die Kirche von Lüttich.

Von den Nürnberger Clarissinnen ist folgender Spruch überliefert:

»Den Nonnen von Santa Clar gewährten zwei Herzog von Baiern, daß sie ihr Bier sich selbst brauen; drob gab es viel Jubel und Feiern«.

Klöster, die das Braurecht bekamen, durften wirtschaften wie eine gewerbliche Brauerei. Allerdings hatten sie gegenüber den weltlichen Brauereien (die es inzwischen auch gab) große Vorteile. Sie besaßen preiswertes oder kostenloses Material, preiswerte oder kostenlose Arbeitskräfte. Auch brauchten sie keine Steuern zu zahlen. Und sie wurden nie von einem Brauverbot betroffen. Solche Verbote wurden erlassen, wenn es Mißernten oder Teuerungen gab. Beispielsweise 1292, als Getreide sehr knapp war. Da dachten die niederbayerischen Herzöge Ludwig und Otto sehr richtig, daß es immer noch sinnvoller sei, aus dem knappen Getreide Brot herzustellen - und nicht Bier. Drum hieß es in diesem Brauverbot (vermutlich dem ersten, das es jemals gab), »daz niemand über all unser landt ze Baiern kein Pier sol huier diz yar briewen«.

Im Jahre 1317 handelte Ludwig der Bayer ebenso. Eine Hungersnot drohte; er verbot das Bierbrauen. Aber in beiden Fällen (wie in zahlreichen anderen) traf das Brauverbot nie die Klöster.

Man kann sich vorstellen, daß die weltlichen Brauereien (von denen wir in späteren Kapiteln noch mehr zu erzählen haben) das nicht gerne mochten. Und die weltlichen Wirtshäuser hielten nichts von den Klosterschenken, in denen auch Bier über die Straße verkauft wurde. Wir erinnern an die Nürnberger Klosterschenke, von der vorhin die Rede war: 300000 Liter Bier im Jahr...

Die Klöster brachten die Bierbrauerei voran, kein Zweifel. An ihnen lag es, daß deutsches Bier immer besser wurde. Klosterbier war hervorragend. Und wegen der betriebswirtschaftlich kaum haltbaren Kalkulation, mit der die Klöster arbeiten konnten, war es auch noch preiswert.

Es kam hinzu, daß auch Ortspfarrer dem Beispiel der Klosterbrüder folgten, sich eigene Brauereien und sogar Wirtschaften zuzulegen - die »geistlichen Bierhöfe«. Das konnte nicht gutgehen, als die Städte immer größer wurden und sich dort tüchtige Brauerzünfte entwickelten.

In Süddeutschland gab es zwar zunächst keinen Ärger. Das hatte einen Grund, der heute fast kurios anmutet. Im Süden - und sogar in Bayern - trank man damals weit mehr Wein als Bier. Und wo nicht genügend Wein wuchs (oder wo er zu teuer war), trank man Birnenmost. Private Bierbrauereien hatten kaum Chancen; es gab nur ganz wenige.

Anders in Nord- und in Ostdeutschland, wo es mit der Weinkultur nicht weit her war. Hier waren Brauer, Wirte und Kaufleute hellwach, wenn es um die Konkurrenz der brauenden Klöster ging. Die Hansestädte Stettin, Hamburg und Danzig, die hannoverschen und braunschweigischen, die schlesischen und sächsischen Städte, deren Bürger mittlerweile gut von der Brauerei und dem Handel mit Bier lebten - sie alle achteten darauf, daß in ihren Gebieten die Klosterbrauereien nicht mächtig wurden. Waren die Mönche nicht brav, so gab es Streit. Klösterliche Schenken wurden zerstört und Fässer verbrannt. Die Brauerei der Zisterzinser-Mönche in Altzella bei Dresden ging in Flammen auf.

Hier und da wurde der Unfriede schon im 15. Jahrhundert so groß, daß manche Landesfürsten die Klosterschenken und den Verkauf von Klosterbier einfach verboten.

Die Reformation brachte die Auflösung vieler Klöster und damit auch der Klosterbrauereien. Im Dreißigjährigen Krieg wurden weitere Klöster zerstört. Schließlich kam die Säkularisation im Jahre 1803, die viel geistlichen Besitz in weltliche Hände brachte. 200 Klosterbrauereien verschwanden allein in Bayern.

Damals wurden auch die Klöster St. Gallen und Weihenstephan aufgelöst. Weihenstephan wurde Staatsbrauerei. Und in die Gebäude von St. Gallen teilen sich nun brüderlich der Bischof mit seinen Ämtern und die Regierung des Schweizerischen Kantons St. Gallen.

So haben sich bis heute nur ganz wenige echte Klosterbrauereien erhalten. Es sind acht Stück, von denen die im Kloster Andechs (bei München) und im Kloster Ettal (bei Oberammergau) die bekanntesten sind. Dort wird das Bier noch gesegnet. Die Mönche schlagen das Kreuzzeichen überm gebrauten Bier - als frommer Wunsch, daß es ihnen und ihren Gästen bekommen möge.

Allerdings wurden die Brautradition und der Name vieler Klosterbiere - Paulaner, Augustiner, Franziskaner - von weltlichen Brauereien übernommen. Und meist sehr erfolgreich weitergeführt.

»Diwail in der stiftung deß wainß, der innen geben wird, wenig, soll innen die notturft, das sie sunsten deglihs Bier haben und drinkhen mittgethailt werden. Diwail si ainen schweren Gottdinßt, fill singen und leßen mißen, und im eßen und drinkhen den iberfluß nitt haben.«
Aus dem 1591 abgefaßten Testament des Grafen Eitelfriedrich 11. von Hohenzollern, der Verständnis hatte für den Durst der Franziskanermönche des Klosters St. Lutzen in Hechingen.

>> Der Bierplan von St. Gallen







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