Durst wird durch Bier erst schön

DIE LEGENDE VOM FLÜSSIGEN BROT

Selten hat eine gutgemeinte Umschreibung so viel Mißverständnis angerichtet wie die Behauptung, Bier sei »flüssiges Brot«. Sicher: es ist ebenso natürlich wie Brot. Aber weit weniger kalorienhaltig.

Die mittelalterlichen Mönche, die das Bild vom »flüssigen Brot« erfanden, freuten sich sehr darüber. LEGENDE VOM FLÜSSIGEN BROT

Flüssiges BrotKann es ein besseres, ein wünschenswerteres, ein ehrlicheres Vorbild fürs Bier geben als unser täglich Brot? Und sind nicht im Bier, das aus Getreide entsteht, die gleichen Bestandteile enthalten wie im Brot?

Gewiß. Aber mit dem Brot verbindet sich heutzutage nun einmal die Vorstellung, man könne davon dick werden. Das ist eine der Widersprüchlichkeiten unserer übersättigten Zeit. Es gab Jahre, in denen sich jeder dringend gewünscht hätte, genügend Brot zu haben, um davon dick zu werden.

So ändern sich Zeiten und Ansichten. Und damit auch die Werte von Behauptungen.

Nun hält sich im Zusammenhang mit dem »flüssigen Brot« hartnäckig die Legende, daß Bier dick mache. Eine Legende? Natürlich können Sie auch mit Bier dick werden. Aber da sollten Sie lieber Himbeersaft nehmen. Oder Milch. Damit geht es schneller.

Vollbier gehört nämlich zu den an Kalorien ärmsten Getränken, die es gibt. Wenn Sie etwas finden wollen, bei dem Sie noch weniger ansetzen, können Sie Kaffee oder Tee trinken (ohne Zucker und Sahne, natürlich). Oder Mineralwasser.

Vielleicht sollten wir Ihnen zum besseren Verständnis ein kleines Kolleg über den Energiegehalt von Lebensmitteln halten. Glücklicherweise weiß inzwischen jeder, was gemeint ist, wenn von Kalorien gesprochen wird. Korrekterweise benutzt man ja den Ausdruck »Kilokalorien« (die »kcal« abgekürzt werden). Oder man nimmt die modernen »Joule« und »Kilojoule« (die »kJ« abgekürzt werden). Aber wir bitten die Damen und Herren Wissenschaftler um Entschuldigung, wenn wir uns statt der Joule und der Kilokalorien des sehr viel schlichteren und volkstümlicheren Ausdrucks bedienen - und einfach von »Kalorien« sprechen.

Also: Jedes Lebensmittel kann im Körper des Menschen (oder eines anderen Lebewesens) zu Energie verarbeitet werden. Mit dieser Energie lassen sich - beispielsweise - Muskeln in Gang setzen. Man mißt sie in Kalorien. Wer sich viel bewegt, braucht mehr Kalorien. Wer den ganzen Tag auf dem Bürostuhl sitzt, hat weniger nötig.

Was sich von den Lebensmitteln nicht in Energie umsetzen läßt, bleibt im Körper: als Fett. Die Natur hat das sehr klug eingerichtet - in grauer Vorzeit, als keineswegs sicher war, daß der Mensch zu allen Zeiten genug zu essen bekam. Das angelagerte Fett war als Vorrat für schlechte Zeiten gedacht.

Heute nun, da unser Teller jeden Tag bis obenhin gefüllt ist, brauchen wir diesen Fettvorrat nicht mehr. Aber die Natur läßt sich ihre gute Absicht nicht ausreden. Was nicht als Energie verbraucht wird, bildet Fett.

Das ist der Grund, weshalb Menschen dick werden. Sie essen mehr, als sie in Energie umsetzen. Gewichtsbewußte Damen und Herren sehen ständig auf ihre Kalorientabellen: Sie wollen nicht mehr essen, als sie bei der täglichen Arbeit, in der Freizeit und beim Sport in Energie umsetzen können.

Das ist nämlich gar nicht viel. Bei sitzender Lebensweise braucht man nur etwa 2200 Kalorien am Tag, als Sportler oder Schwerarbeiter 5000 Kalorien. Die meisten Menschen kommen mit 2400 Kalorien gut zurecht.

Das ist nicht viel, sagten wir. Aber bezogen aufs Bier ist es doch eine ganze Menge. Auch der bequem lebende Herr, der sich nur selten vom Schreibtisch rührt, könnte (wenn er sonst nichts zu sich nimmt) fünf Liter oder 15 Fläschchen Bier am Tag trinken. Er müßte es sogar, um nicht vom Fleisch zu fallen.

Anderthalb Liter Vollbier ergeben 700 Kalorien. Etwa so viel wie ein Stück Sahnetorte. Das süße, dicke, schwere Malzbier hat (sofern ihm nicht künstlich Zucker zugesetzt wurde) sogar noch weniger Kalorien als das Vollbier. Denn es enthält ja nur ganz wenig Alkohol. Woher kommt dann die immer wieder gehörte Behauptung, daß Bier dick macht?

Die Erklärung ist sehr einfach. Aber man hat sie erst in den letzten Jahrzehnten gefunden und auch beweisen können. Man wird nicht dick durchs Bier. Man wird dick durch den Appetit, den das Bier macht. Der verführt die Menschen. mehr zu essen, als sie eigentlich wollten.

Es ist nämlich so, daß erstens das Bier selbst ungemein leicht verdaulich ist. Was es an Nährstoffen besitzt - Kohlehydrate und Eiweiß - ist durch Mälzen und Brauen auf natürliche Weise schon aufbereitet; man könnte fast sagen: vorverdaut. Diese Nährstoffe passieren unsere Verdauungsorgane ohne jede Komplikation. Sie werden sofort aufgenommen, ohne belastend zu wirken. Deshalb stellt sich, wenn man Bier nicht gerade in riesigen Quantitäten trinkt, kein Völlegefühl ein; Bier macht nicht satt. Im Gegenteil: der Körper signalisiert oft, daß er nun ganz gerne etwas zu essen hätte.

Denn - und das ist als Zweites wichtig - im Bier gibt es gleich drei Komponenten, die appetitanregend wirken: den Hopfen, den Alkohol und die Kohlensäure. Die Kombination aus diesen drei Faktoren stimmt jeden Magen auf ein gutes Essen ein.

Als dritter wesentlicher Tatbestand kommt hinzu, daß Bier verdauungsfördernd wirkt. Was Sie essen, liegt nicht lange im Magen, wenn Sie Bier dazu trinken. Sie haben nicht das Gefühl, zuviel gegessen zu haben - auch wenn Sie tatsächlich zuviel hatten.

Das Zusammenwirken dieser Komponenten hat zur Folge, daß man oft mehr ißt, als man eigentlich will. In der alten ebenso wie in der modernen Medizin hat man Bier deshalb häufig eingesetzt, um Patienten, die keinen rechten Appetit hatten, zum Essen zu bringen.

Übrigens macht auch der Alkohol im Bier nicht dick. Dazu ist er zu wenig konzentriert. Aber vielleicht sollten wir nun überhaupt ein wenig über den Alkohol im Bier sprechen.

>> Die Legende vom flüssigen Brot - Teil II







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